Mittwoch, 23. Januar 2019

Stillen? Bitte nicht hier und bitte nur kurz!



Ich will euch kurz von zwei Begebenheiten der jüngsten Zeit erzählen und dann direkt was von euch wissen. Also nur, dass ich schon mal vorbereitet seid, ich bin gespannt was ihr berichtet.

Arzt rät: Bitte nur sechs Monate stillen


Ich war letzte Woche beim Arzt, wegen meiner Sehne. Mit dem Baby. Und der Arzt meinte: "Tja, wirklich besser ist es nicht, aber solange Sie stillen, können wir nicht viel machen. Tragen Sie weiter die Schiene und kommen Sie vorbei, wenn es entweder schlimmer geworden ist, oder Sie abgestillt haben."
Da war ich leicht irritiert, ich soll also so zwei Jahre (oder wie lange eben sein wird) mit dem nächsten Arztbesuch warten?
Ich fragte also nach: "Sie meinen, wir sehen uns jetzt in ungefähr zwei Jahren wieder? Das kommt mir aber lang vor!"
Der Arzt, der mich bis dahin nicht einmal angeguckt hatte, sah meinen Sohn an. Und mich.
"Nein, man soll ja nicht länger als sechs Monate stillen. Das ist nicht gut."
Ich fragte nach, was daran nicht gut sein soll. Ich hätte da Erfahrung, meine Kinder sind beide über sechs Monate gestillt worden.
Er erklärte nochmal, dass das nicht gut sei und ich das nicht machen sollte.
"Also meinen Sohn habe ich über zwei Jahre gestillt, meine Tochter etwas weniger. Beide sind ganz normal entwickelt und auch nicht lila angelaufen. Glauben Sie mir, niemand muss nach sechs Monaten abstillen. Die WHO empfiehlt sechs Monate lang voll zu stillen und danach solange, wie es Mutter und Kind möchten."



Ärzt_innen müssen sich fortbilden


Ich verließ kopfschüttelnd die Praxis. Teilte die Erfahrungen in den sozialen Netzwerken und schrieb mehrfach dazu, dass das ja nicht so schlimm sei, weil es eben ein Chirug war, der mir das geraten hat. Der müsse sich ja nicht fortbilden. Die Provinzmutti wies darauf hin, dass das aber nicht stimmt. Und sie hat natürlich recht. Alle Ärzt_innen sollten sich informieren, wenn sie mit Patientinnen zu tun haben, die potentiell schwanger werden und stillen können. Diese Bevölkerungsgruppe mit Halbwahrheiten und Unwissenheit zu verunsichern (also nicht mich, aber was wäre bei einer Erstlingsmama, die unsicher ist und keine Unterstützung beim Stillen erhält?) ist gefährlich. Und indiskutabel. Da muss sich dringend was ändern.

Bitte stillen Sie woanders, das vergrault die Kund_innen


Und dann war ich in einem Einkaufszentrum. Es war kalt, mein Sohn hatte Hunger. Ich nahm also in einer dieser Sitzecken Platz, auf der Fläche vor mir war ein Schmuckstand aufgebaut. Ich stillte, betrachtete meinen Sohn, der mich anschaute, ein schöner Moment.
Da trat eine Frau an mich heran.
"Könnten Sie das bitte woanders machen? Sie vergraulen hier unsere Kundinnen, die das mitansehen müssen."
Mir entglitten die Gesichtszüge. Ich hatte schon bemerkt, dass manche Leute guckten, aber mich stört das nicht mehr so sehr. Drei Kinder in allen möglichen Situationen stillen, das härtet ab.
"Wie wäre es, wenn ich meine andere Brust noch auspacke? Vielleicht zieht das ja die männliche Kundschaft an?", schlug ich vor.
Die Frau drehte sich um und ging weg. Treffer, versenkt würde ich sagen. Ich stillte weiter. Und habe mich eigentlich auch nur gewundert, dass jemand solch einen Kommentar bringt.

Die Stillmafia

Und jetzt kommt ihr. Ich bin mir sicher, dass nicht nur ich solche Situationen kenne, in denen das öffentliche Stillen kommentiert wird. Oder Stillen an sich.
Bei Susanne las ich mal den Vorwurf, sie sei von der "Stillmafia" und würde Frauen dazu drängen zu stillen. Abgesehen davon, dass sie davon sehr weit entfernt ist, irgendwen zu irgendwas zu drängen finde ich diesen Vorwurf so haltlos. Es sind so wenige Frauen, die stillen, im Vergleich zu denen, die die Flasche geben. Und von denen, die stillen machen auch nicht alle das jahrelang. Oder versuchen alle anderen zu überreden es ihnen gleichzutun.

Es geht nicht um wir gegen sie


Ich finde diese Diskussion die immer unter der Prämisse "wir gegen die" geführt wird total absurd. Es gibt einfach im Leben mit Kindern nicht DEN Weg, der für alle funktioniert. Sondern 1000 Wege zu 1000 Themen. Und niemand muss sich rechtfertigen weil sie nicht stillt. Oder kurz stillt, oder jahrelang. Es ist eure Entscheidung.

Eure Stillerfahrung


Was ich aber nun von euch möchte ist folgendes:
Schreibt mir doch mal was ihr so im Zusammenhang mit dem Stillen erlebt habt. Wie sind eure Erfahrungen? Wie seid ihr mit Vorwürfen umgegangen? Habt ihr öffentlich gestillt? Wenn nein, was hat euch davon abgehalten? Erzählt mal was ihr so gesagt bekommen habt. Gern hier als Kommentar. Oder per Mail. Ich würde das gern sammeln und veröffentlichen, daher auch gern anonym.


Kommentare:

  1. Anfangs war es mir (erstes Kind) eher etwas unangenehm öffentlich zu stillen und ich habe meist alles mit einer Stoffwindel oder einem Schal abgedeckt. Im Verlauf war es mir dann aber ehrlich gesagt egal ob jemand was sieht. Klar stellt man seine Brust dann auch nicht zur Schau, aber ich dachte mir dann, es ist doch etwas sehr Natürliches zu stillen, warum muss man das verstecken...Was mich auch bestärkt hat, war, wenn ich mich mit anderen Mamas getroffen habe, die auch ganz natürlich öffentlich gestillt haben. Blöde Kommentare habe ich zum Glück nie abbekommen... Noch zum Thema Arzt: ich kann mich dunkel daran erinnern, dass uns im Medizinstudium mal erzählt wurde, man solle nur 6 Monate stillen, ich glaube die Begründung war, dass dann die positive Wirkung (Antikörper etc.) nicht mehr überwiegt, sondern mehr Schadstoffe vorhanden sind, aber ganz genau weiß ich es nicht mehr. Naja, mich hat es nicht davon abgehalten mittlerweile seit 9 Monaten zu stillen und Abstillen will ich auch noch nicht ;)
    Liebe Grüße, N.

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  2. Haha, der Spruch in der zweiten Begebenheit, der saß! Toll, dass Du so schlagfertig warst!
    Ich selbst habe meine beiden Kinder bis 13 Monate gestillt, dann war es mir zu viel mit Arbeiten, pendeln und Schlafmangel (va nachts gestillt) und wir haben abgestillt und Abendsfläschchen eingeführt. Ich habe beide auch oft in der Öffentlichkeit gestillt und keine Ablehnung erfahren. Eher Ahnungslosigkeit, dass die Einrichtung nicht auf stillende oder abpumpende Mütter vorbereitet war, in diesen Fällen wurde flexible Lösungen gefunden. Kinderarzt und Hebamme haben die stilldauern eher positiv aufgenommen, aber nicht bestärkt oder proaktiv unterstützt. So würde ich insgesamt meine offline-Erfahrungen auch zusammenfassen, bis auf den Kontakt zu anderen, auch >6 Monate stillenden Müttern.
    Gruß, Katharina

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  3. Immer wieder kopfschüttelnd lese ich manche deiner Beiträge - wegen der Mitmenschen! Also vor allem die Frau, die dich bat, mit dem Stillen aufzuhören lässt mich fassungslos zurück!
    Bei Ärzten habe ich auch manchmal das Gefühl, dass sie nach dem Studium das letzte Bisschen Empathie abgaben oder sich eben nicht weiterbilden. Dabei sind das doch die, die uns helfen sollen und stets bitten, nicht zu googeln!

    Ich habe mal über meine verrückten Stillorte geschrieben z. B. auf dem Zahnarztstuhl, während der Behandlung. :D
    Und einige andere berichteten ebenfalls. :)
    https://mamaskind.de/familie/gesundheit/stillen-oeffentlichkeit/

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  4. Ich konnte leider nur ganz kurz stillen, es hat einfach nicht klappen wollen. In der Zeit habe ich nicht öffentlich gestillt, weil ich mich so schon ungern öffentlich entblöße. Hab es dann trotzdem gemacht, soweit möglich abgeschieden mit so wenig möglichen Zuschauern wie möglich. Mich stört es aber nicht, wenn eine Frau irgendwo stillt. Ist doch was Normales und überhaupt ist das allemal besser als ein vor Hunger schreiendes Kind.

    Ich habe die andere Seite erlebt, dass ich mich immer rechtfertigen musste, warum ich nicht stille und es wurde immer davon ausgegangen, dass ich sowieso stille. Das tat nochmal extra weh; der Kampf ums Stillen war hart genug und nicht stillen zu können war für mich anfangs ganz furchtbar. Und überall, selbst auf den Fertigmilchpackungen und deren Internetseiten wird man darauf hingewiesen, dass Stillen aber ganz viel besser ist; auf den Internetseiten sogar mit Pop-Up, das man erst wegklicken muss, um auf die Seite zu gelangen. Was das mit einem machen kann...

    Wie du sagst, jede Familie muss das für sich entscheiden und ihren Weg gehen und da hat sich keiner einzumischen oder zu kommentieren.

    Dieser Satz vom Arzt macht mich fassungslos. Das war wohl alte Schule, was?
    Interessanterweise wird sowas ganz oft vor allem in den ehemaligen DDR-Gebieten gepredigt, weil da die Mütter schon früh wieder arbeiten gehen mussten und die Kinder so wenig Arbeit wie möglich machen sollten. Das fängt beim Stillen an und geht von frühem Töpfchentraining bis hin zum Schreienlassen. Schrecklich!

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    1. Es tut mir so leid, dass du das erleben musstest. Es ist eben wie du schreibst, jede Mutter hat ihren eigenen Weg. Und pauschal zu sagen: Alle die die Flasche geben wollen nicht ist falsch. Und selbst wenn sich eine Mutter entscheidet, dass sie nicht stillen will, dann ist das IHRE Entscheidung. Das geht doch niemanden sonst was an.


      Was die Hinweise zum Stillen auf den Packungen etc. betrifft: Das ist gesetzlich vorgeschrieben. In deinem Fall dann: Leider.

      Ganz ohne Vorurteil, einfach so von Mama zu Mama: Meinst du, eine Stillberatung hätte dir geholfen? Wäre das was gewesen, dass du gewollt hättest?

      Liebe Grüße,

      Andrea

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  5. Also ich habe nie lange gestillt aus verschiedenen Gründen. Ich bin auch direkt wieder nach dem Mutterschutz Teilzeit in Elternzeit arbeiten gegangen. Mit Baby im Büro. Da kam es auch schon mal vor, dass ich während Besprechungen gestillt habe. Das war für alle selbstverständlich. Und es schockiert mich immer wieder, dass in einer aufgeklärten Zeit sich Leute über das öffentliche Stillen aufregen. Aber oben ohne im Park zu liegen stört da keinen. Oder es wird in den sozialen Medien nicht so thematisiert. Da frage ich mich ja: wenn die nackte Brust nicht das Problem ist, ist es vielleicht die Zurschaustellung in einem NICHT-SEXUELLEN Zusammenhang???

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  6. Meine erste Tochter habe ich 9,5 Monate gestillt. Nachdem sie ganz arg erkältet war und ihr das Trinken so schwer fiel, habe ich ihr die Fläche gegeben und sie hat sich dadurch ganz alleine nach und nach abgestillt.
    Meine zweite Tochter ist jetzt 18 Monate alt und ans abstillen ist ihrerseits nicht zu denken.
    Ich weiß wirklich nicht wie ich sie mal abstillen soll. Ich glaube der Kommentar vom Arzt bzgl. den 6 Monaten könnte sich auf die emotionale Ebene beziehen. Ich habe mal bei Dr. Posth gelesen, dass stillen über das erste Jahr hinaus die Loslösung erschwert.
    Kommentare in der Öffentlichkeit habe ich nie bekommen. Ich glaube die Menschen waren sogar froh, wenn ich stillte denn dann war das Baby ruhig.0



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  7. Ich habe beide Kinder über ein Jahr "draussen" gestillt (ab 14-15 Monaten hat es sich eig. begrenzt auf Einschlafstillen) und nie dumme Kommentare bekommen. Ich schätze mal, die wenigsten Leute haben das Stillen jeweils bemerkt, weil ich Shirts mit Wasserfall- oder doppeltem V-Ausschnitt und gut verdeckten seitlichen Öffnungen bevorzugt habe. Und ich habe viel im Sling oder Tuch gestillt (deshalb die seitlichen Eingriffe, hochwurschteln war mir da zu unbequem), da sieht man auch recht wenig, wenn man nicht genau hinschaut.
    Die einzige negative Reaktion kam von meiner Grossmutter (damals 93), der es sichtlich unwohl war, dass ich "in der Öffentlichkeit" (im Cafe des Altersheims) gestillt habe, aber sie hat sich beruhigt, als sie gemerkt hat, dass es die Leute ringsum entweder nicht stört oder sie gar nichts bemerken.
    Aber mehrfach ist es mir passiert, dass Leute sich das süsse Kind anschauen wollten und erst ziemlich nahe (<50cm) gemerkt haben, dass wir stillen. Das war ihnen dann immer recht peinlich, mir dagegen ziemlich egal.
    LG, Julia

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  8. Ich habe an verschiedensten Orten in der Öffentlichkeit gestillt und nie komische Blicke oder Kommentare erhalten. Habe auch mal im Brautmodengeschäft auf dem Boden gewickelt - einfach machen. Es gibt sicherlich mal blöde Kommentare, aber die gibt es ja zu allen möglichen Dingen. Einfach ignorieren.

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  9. Die Aussage des Arztes ärgert mich insofern, weil es fachlich einfach falsch ist. Es gibt ganz viele Behandlungsoptionen, die stillverträglich sind, aber oft haben Ärzt*innen einfach keine Ahnung, keine Lust oder Angst vor möglichen rechtlichen Konsequenzen.
    Genau für diese Fälle gibt es auch Beratungsstellen, an die sich med. Personal wenden kann, es gibt Fachliteratur etc. - eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man da eine Lösung sucht, die sich für stillende Patient*innen eignet.

    Ich selbst habe damit zum Glück keine Erfahrungen (was aber auch damit zusammenhängt, dass ich selbst Fachmensch bin und eh selten zum Arzt muss), auch beim öffentlichen Stillen gab es vielleicht mal einen Blick, aber blöde Kommentare musste ich mir zum Glück nie anhören.
    Bei meiner einzigen etwas größeren Behandlung konnte ich auf dem Fragebogen ankreuzen, dass ich stille, es wurden selbstverständlich stillverträgliche Medikamente verordnet, ohne dass ich es nochmals explizit nachfragen musste und es wurde von Arztseite kein Wort darüber verloren - es geht auch mMm niemanden etwas an, wie lange gestillt wird, solange es für das Stillpaar passt. Als Arzt muss die Information reichen, dass gestillt wird, mehr ist für die Behandlung völlig irrelevant.

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