Mittwoch, 31. Januar 2018

Mit Kindern in der Großstadt leben



Eigentlich lebe ich sehr gern in Berlin. So mittendrin. Wirklich. Ich finde das gut, dass wir kein Auto brauchen, weil fussläufig alles erreichbar ist. Kinderarzt, Supermarkt, Markt am Wochenende, verschiedenen Spielplätze, Restaurants, alles, wirklich alles ist da.
Das ist bequem und ich mag es auch die Auswahl zu haben.

Und dann gibt es die Momente in denen ich es so richtig doof in Berlin finde. In denen ich überlege ob es für Kinder wirklich gut ist in der Großstadt groß zu werden.
Gestern war so ein Moment. Da dachte ich: Ich muss hier weg.

Berlin ist nicht nur toll


Neben all dem (Straßen) Lärm, den ich eigentlich immer negativ finde sind es manchmal vor allem andere Menschen die mich belasten. Weil sie sich ungefragt einmischen oder weil sie einfach schwer schwierige Ansichten haben. Berlin ist bekannt dafür, dass hier eine Art "lass sie mal machen" herrscht und das stimmt. Ich wundere mich nicht wenn Menschen ganze Umzüge mithilfe der U-Bahn organisieren, wenn halbnackte Menschen in der S-Bahn eine Tanzperformance hinlegen oder die Tram voller Glitter durch die Gegend rumpelt. Das ist keine Ignoranz, das ist erstmal ein Akzeptieren von Andersartigkeit. Etwas, das ich wirklich wirklich gut finde.



Nachmittags- SloMo mit Kindern


Gestern allerdings, da war es doof. Ich lief mit den Kindern nach Hause, uns trennten noch ca. zwanzig Meter von unserer Tür. Herr Annika hatte keine Lust mehr zu laufen, ich keine ihn zu tragen. Also verharrten wir in diesem ermüdenden Nachmittags-SloMo aus Stop und Go, weil mein Sohn einen Zentimeter tippelte und dann "Arm" schrie. Und dann wieder tippelte.
Das Runzelfüßchen lief neben ihm, geduldig abwartend. Sie kennt das schon und ich finde es bewundernswert wie sie nie nie NIE sauer wird sondern immer ruhig bleibt und auf ihren Bruder wartet.

"Geld her, los, Geld her!"


In diesen enervierenden Takt also kam plötzlich Bewegung. Ein Mann, der bis dahin auf einer Mauer saß, stand sprunghaft auf, stieß das vor ihm stehende Motorrad um und brüllte los. Ich erschrak, die Kinder erschraken. Er machte zwei große Schritte auf meine Tochter zu, die zusammenzuckte und zu mir rannte. Der Mann brüllte uns an. Ich verstand nichts. Ich sah dem ungepflegten Mann ins Gesicht, meine Tochter an der einen, meinen Sohn an der anderen Hand. Er kam noch näher heran, auf den ersten Blick würde ich sagen, er war obdachlos. Er wollte Geld, das verstand ich jetzt.
Immer wieder brüllte er "Geld, Geld, her!" und baute sich vor mir auf.
Ich gebe zu, ich bekam es wirklich mit der Angst. Nicht wegen mir, sondern wegen meiner Kinder. Mein Sohn fing an zu weinen.

 Die Kinder weinen und wollen drüber sprechen


Ich sagte ihm also, dass ich kein Geld für ihn habe. Daraufhin machte er noch einen letzten Schritt auf meine Tochter zu, war jetzt sehr nah an ihr. Und da schrie ich ihn an. "Hau ab, mach das du wegkommst. Los, verschwinde!"
Und der Mann rannte weg. Mein Sohn weinte, meine Tochter wollte wissen ob der Mann wiederkommt. Aber nein, kam er nicht. Wir gingen nach Hause und den Rest des Tages wiederholte mein Sohn immer wieder: "Mann böse. Schups. (Das Motorrad) Geld." Und weinte.
Meine Tochter fragte mehrfach nach ob der Mann böse sei und wieso er so laut geschrieen hätte. Ich versuchte zu erklären was ich doch nicht erklären kann.

Sollte ich nicht ein Vorbild für meine Kinder sein?


Ich muss aber auch zugeben: ich schäme mich, dass ich den Mann so angeschrieen habe. Ich glaube er war obdachlos und vermutlich psychisch krank. Ihn so anzubrüllen und wegzuschicken hat ihm sicher nicht geholfen. Ich habe an meine Kinder gedacht um die ich in der Situation Angst hatte. Nur, wie real ist denn diese Angst? Was hätte er ihnen getan?
Ich predige meinen Kindern immer, dass sie nett zu anderen sein sollen, niemanden ausgrenzen. Und dann habe ich selbst genau das getan. Ich habe jemanden angeschrieen, weil ich (vermutlich falsch) antizipiert habe, er wäre irgendwie gefährlich.

Versteht mich nicht falsch, ihm kein Geld zu geben und meine Kinder zu schützen finde ich richtig. Nur dieses "Hau ab!" das tut mir leid.

Wie hättet ihr reagiert?

Kommentare:

  1. Oh schwierig... in dem Moment bist du aber verpflichtet, deine Kinder zu schützen, deshalb mach dir bitte keine Gedanken, was du Netteres hättest sagen sollen. Ihr wart bedroht, das war ja kein halbwegs ok'es Anbetteln sondern du zeigtest ihnen wie man bei einer Bedrohung umgeht. Du warst mutig und hast dich gewehrt, die Kinder geschützt. Du hättest ja auch zB mit den Kindern wegrennen können oder ihm Geld geben und ihn anbetteln dass er euch in Ruhe lassen soll. So ist es doch am "Besten" gelaufen :(

    Dicke Umarmung, Frida

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  2. OMG. Was für ein Schreck, gerade für die Kinder.
    Als bei uns der Bollowerwagen geklaut wurde, sprach mein Sohn noch Wochen danach von dem Einbrecher. Und das hat er nicht mal live mitbekommen. :-(
    Ich hoffe, ihr verarbeitet es schnell.

    Ich glaube, anschreien war in diesem Moment genau richtig. Zeigen, wo deine Grenze ist: Bis hier und nicht weiter. Gut, dass ihn das vertrieben hat. Was wäre sonst als Nächstes gekommen? Vielleicht etwas, das du nicht so schnell hättest verhindern können, mit zwei Kindern an der Hand. Man mag es sich nicht mal vorstellen.

    Puh.

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  3. Ich hätte entweder ganz genau so reagiert oder um Hilfe gerufen. Da hat einfach der Beschützerinstinkt eingesetzt. Ein hau ab war in dem Moment absolut angebracht. Er sollte sich von euch, ganz besonders von den Kindern, entfernen.
    Was hättest du denn sonst sagen sollen? Bitte, lieber Schreihals, lass uns drüber reden?
    Vermutlich hätte er etwas anderes gar nicht kapiert, aber so hast du klar und deutlich gemacht, dass er sich entfernen soll. Deine vorherigen Bemühungen, dass du kein Geld an dir hast, haben ja nix gebracht.
    Ich finde das schlechte Gewissen völlig fehl am Platz. Nett zu anderen zu sein heißt nicht, sich alles gefallen lassen zu müssen. Wenn man angegriffen wird (und ich finde, das war hier aufgrund der Körpersprache, des Auftretens und seiner körperlichen Überlegenheit gegeben), muss man sich verteidigen. Du hast euch mit Worten verteidigt. Das war gut. Und eine wichtige Lektion, wie ich finde.

    Alles Liebe!
    Hoffentlich ist der Schreck wieder abgeklungen. Ich hatte bei der Reaktion von Herrn Annika am Ende auch ein bisschen feuchte Augen.

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  4. Ich hatte eine ähnliche Situation bei uns im Kiez auch mal (auch 20 Meter von der Haustür entfernt). Und ich hatte wie Du Angst um meine Tochter. Die Frau, die uns anschrie, war sehr sehr aggressiv, deshalb hab ich mein Kind an die Hand genommen und bin davongeeilt.

    Aber um zu Deinem Erlebnis zu kommen: Nein, ich finde nicht, dass man zu jedem nett sein muss. Es gibt Grenzen. Und ich finde es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass die eigenen Grenzen zählen und dass man das Recht hat, sie zu wahren. Der Mann ist Euch brüllig und aggro entgegengetreten. Ich hätte auch zurückgeschrien.

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  5. Oh weh, wie gruselig. Ich finde, jedes Kind sollte lernen, dass in einer Notsituation Höflichkeit nicht angebracht ist, sondern dass sie bei Bedrohung unbedingt schreien, schlagen, beißen MÜSSEN!
    Da hast du genau richtig gehandelt und ihnen ein gutes Vorbild geschenkt. Starke Mutterlöwin.

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  6. Liebe Andrea,
    Ich finde, du hast alles genau richtig gemacht und bist ein gutes Vorbild. Ob mit oder ohne Kinder, niemand hat das Recht, dich zu bedrängen! Und deine Reaktion zeigt deinen Kindern genau das: Du stehst für dich ein. Du stehst für sie ein. Und das ist wichtig und richtig!
    Nett und geduldig kann man immer nur dann sein, wenn das Gegenüber das auch zulässt oder empfänglich dafür ist. Das war hier leider nicht der Fall :-(

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  7. Alter! Was für ein Schreck. Ich hätte den auch angebrüllt. Und ich bin mir sicher, dass du deinen Kindern die Situation danach so gut erklärt hast, dass auch der brüllende Mann genickt hätte. Hoffentlich erholt ihr euch alle gut <3

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