Mittwoch, 9. August 2017

Alleinerziehende nerven - eine Beobachtung



Am Wochenende hatte ich ein sehr irritierendes Erlebnis im Bus. Ich freute mich auf eine ruhige Fahrt, einfach mal Gedanken schweifen lassen. Leider nahmen mir gegenüber zwei Männer Platz die lautstark anfingen sich über die Nachbarin des Einen, nennen wir ihn einfach Paul, zu beschweren. Pauls Nachbarin, so erfuhr ich leider auch, ist alleinerziehend. Und "die schreit das Kind den ganzen Tag an. Muss man sich mal vorstellen, die Alte brüllt und brüllt und brüllt."

"Solche Leute sollten besser keine Kinder kriegen"


Pauls Freund, sagen wir, Axel, nickte. "Boah, schlimm, oder? Solche Leute sollten besser keine Kinder kriegen." An der Stelle wollte ich ja bereits das erste Mal einschreiten. Ich kenne selbstverständlich die Frau nicht um die es geht. Aber ich vermute einfach mal, dass sie sich nicht ausgesucht hat alleinerziehend zu sein. Oder vielleicht doch. Aber selbst wenn, dann ist ihr Gebrüll nicht schön, aber vielleicht auch Ausdruck ihrer Überforderung.



Vorurteile über Alleinerziehende


"Ja, und die arbeitet natürlich auch nicht. Machen die ja nie, die faulen Weiber. Vermutlich hat der Mann die verlassen, weil die immer rumgenörgelt hat. Die nörgelt am Kind rum, da kriegste keine Widerworte. Aber bei nem Mann ja schon. Deswegen ist die allein. Sieht auch so aus als würde die keinen abbekommen." Mir schoss der Puls in die Höhe. Denn ja, Gespräche belauscht man nicht. Aber zwei sonore Männerstimmen in 20 Zentimeter Entfernung die sich auch durchaus laut ereifern, es ist nicht so als hätte ich da die Ohren spitzen müssen.

Bloggen ändert Sicht auf Andere


Ich wurde wütender und wütender. Weil ich glaube, dass das, was die Männer sich da erzählten ja das ist, wie ein Großteil der Menschen auch über Alleinerziehende denkt. Die sind selbst Schuld, zu faul zum Arbeiten, völlig überfordert. Es ist Frauen wie Christine Finke, Alexandra Widmer, Carola Fuchs, Rona Duwe , Mutterseelesonnig (lest unbedingt den hier verlinkten Text von ihr) und so vielen anderen zu verdanken, dass sich auch mein Blick auf Alleinerziehende ändert. Also nicht, dass ich früher dachte, irgendjemand sei an irgendwas Schuld, aber es ist schon so, dass ich auch durch deren Blogs und ihre Arbeit sensibler für die Bedüfnisse Alleinerziehender geworden bin.

Hilfe anbieten, Lästern unterbinden


Ich saß also im Bus und dachte an all die Frauen, die sich solche Meinungen von Männern gefallen lassen müssen. Und schritt ein. Ich sprach die Männer direkt an. "Wisst ihr, ich mustste das ja alles mit anhören und frage mich: Wieso bitte geht ihr nicht hin zu dieser Frau und fragt sie einfach mal, ob ihr Hilfe braucht?"
"Ach, bist du auch so Eine? Klar, so wie du aussiehst! Dir rennen die Männer bestimmt weg!"
An dieser Stelle musste ich an mich halten mal nicht auszurasten. Ich kann gar nicht beschreiben wie furchtbar ich diese Reduzierung aufs Aussehen finde. (Davon abgesehen bin ich natürlich ein optischer Knaller, aber das war eh klar, oder? :D )
"Nein, ich bin nicht alleinerziehend. Aber ich kann mir euer Gelaber einfach nicht mehr anhören. Ihr richtet über eine Frau ohne die Lebensumstände näher zu kennen und seid echt ganz schön schnell mit eurer Meinung. Was, wenn der Mann verstorben ist? Was, wenn der sie geschlagen hat und sie es, ihrem Kind und sich selbst zuliebe, geschafft hat da raus zu kommen? Was, wenn ihr Mann wegen irgendwelcher Dinge im Gefängnis ist? Was, wenn sie es einfach nicht mehr ertragen hat und dachte: Ohne ihn bin ich besser dran? Wisst ihr was, es ist auch egal wieso sie alleinerziehend ist. Ihr habt schlicht kein Recht darüber zu urteilen."

Streit im Bus


"Na du bist ja voll schlau, oder? Du kennst die doch gar nicht!"
"Wisst ihr Jungs, das muss ich ja auch nicht. Mich kotzt einfach eure Art über die Nachbarin zu reden ziemlich an. Ich finde es in der Tat toll, dass du aufmerksam bist, dass du dich um den kleinen Jungen sorgst. Aber geh doch hin und frag, ob du helfen kannst. Ob du mal ne Runde mit ihm im Hof Fußball kicken kannst, damit sie in Ruhe telefonieren kann. Oder Baden. Oder Löcher in die Luft starren. Statt zu verurteilen was du alles nicht kennst wäre Unterstützung eigentlich so viel cooler!"

Überraschung!


An dieser Stelle erwartete ich übrigens, dass die beiden mir nen Vogel zeigen und mich wieder beschimpfen würden, denn das ganze Gespräch war ziemlich emotional und wir hatten einfach so gegensätzliche Positionen. Aber es geschah tatsächlich was Erstaunliches: Die Männer lenkten ein. Der Nachbar, Paul, hätte  schon mal drüber nachgedacht, aber sich nicht getraut. Er wolle sich auch nicht aufdrängen. Und das Geschrei schreckte ihn ab. Er wüsste nicht, wie die Frau reagieren würde. Ich war baff! Ehrlich. Weil eben auch ich schon nicht mehr mit einem echte Gespräch gerechnet hatte, sondern, gefangen in meinen eigenen Vorurteilen diese Männer abgeschrieben hatte.

Soll ich euch was sagen: Wir hatten dann ein wirklich tolles Gespräch. Paul berichtete davon wie wichtig es ihm ist, dass Kinder ohne Anschreien groß werden, dass sie Liebe und Zuneigung erfahren. Er erklärte, dass durch das Geschrei der Mutter sein ganzes Bild über sie negativ wurde. Ich erzählte, dass ich meine Kinder leider auch ab und zu anmotze. Dass das passiert, dass es nicht schön ist, aber passiert. Vielleicht ist die Frau einfach am Limit, aber sie kann sich vielleicht nicht zurückziehen weil niemand ihr mit dem Kind hilft.

Sorge um fremde Kinder


In dem ganzen Fall gibt es soviele Vermutungen und keinerlei Tatsachen. Er versprach, dass er wirklich mal bei der Nachbarin klingeln würde und dankte mir, dass ich ihn angesprochen hatte. Und ich bedankte mich auch, dafür, dass wir nach einem kleinen Ausrutscher aufeinander zugegangen sind, dass wir uns so gut unterhalten hatte und auch. dass er sich um das Kind so sehr sorgt. Denn auch das ist heute ja nicht immer so.

Das mag alles ganz furchtbar pathetisch klingen, aber ich habe mich ehrlich über dieses Gespräch gefreut. Darüber, dass ich meine Meinung gesagt habe, dass wir miteinander in Kontakt kamen und auch ich meine Meinung über die Männer revidieren konnte. Denn nach dem ersten Kommentar hatte ich sie ja eigentlich auch schon abgeschrieben.

Was hättet ihr in der Situation gemacht?

Kommentare:

  1. Das freut mich selbst beim Lesen so sehr, wie das Gespräch sich gewendet hat. Danke für die Inspiration.

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    1. Liebe Dagmar,

      sehr gern! :D

      Liebe Grüße,
      Andrea

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  2. Guter Text. Es kann so unheimlich hart sein, mit Kindern allein dazustehen. Hab auch mal gebrüllt im Garten, der Nachbar rief sofort an und wollte mir die Polizei schicken. In meinem ganzen Leben habe ich nie wieder so geschämt. Gefragt, was los ist, hat er natürlich nicht.

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    1. Liebe Astrid,

      oh Gott! Wie furchtbar! Also dein Nachbar! Weißt du, ich frage mich ob diese Menschen auch die Polizei rufen würden wenn es bei einer Familie mit Mutter und Vater passieren würde. Oder geht man da eher darüber hinweg?
      Wie ich geschrieben habe, es ist nicht schön seine Kinder anzumotzen. Aber ich befürchte, dass das den allermeisten Eltern früher oder später mal passiert.

      Liebe Grüße,

      Andrea

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  3. Ich schreibe jetzt lieber nichts über meine Ex ... sonst ist meine ganze Empathie wieder auf Null.
    ... Prinzessin auf der Erbse - Reiten - Harfe Spielen gehen - und die Wäsche ist nicht gewaschen und das Haus dreckig - so dass sich der Große Sohn schämt mit seinen Freunden zu Hause sein. Aber Vollzeit Hausfrau mit den Kids im 17 Uhr Kiga.

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    1. Hallo,
      hm, ich weiß gar nicht was ich zu deinem Kommentar sagen soll. Sind ja auch alles Vorwürfe an deine Ex. Ich lass das jetzt hier stehen, frage mich aber was genau du mit diesem Kommentar bezweckst.

      Grüße,

      Andrea

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  4. Ein toller Text mit einer noch wunderbaren Wendung. Ich hoffe "Paul" blieb bei seiner Entscheidung mal bei der Nachbarin zu klingeln.

    Liebe Grüße

    Tine

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    1. Liebe Tine,

      ich würde ja schon auch gern wissen was daraus wird. Auf der anderen Seite: Vielleicht sind unser aller Hoffnungen auch zu hoch und es ändert sich nichts?

      Liebe Grüße,

      Andrea

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