Mittwoch, 26. Juli 2017

Mich irritieren Kindervideos im Netz




Seit Wochen werden mir immer wieder Videos in den sozialen Netzwerken angezeigt. In allen sind Kinder in vermeintlich lustigen Situationen zu sehen. Die einen haben sich Butter in die Haare geschmiert, wo sie doch eigentlich Pancakes essen wollten, in einem anderen erklärt eine vielleicht Zweijährige ihrer Mutter wieso sie nicht auf die stille Treppe gehörte.
Das Internet feiert diese Videos, weil sie vermeintlich lustig sind.

Lustige Videos mit Kindern -eher nicht


Mir aber tun die weh. Ich kann nicht mal genau greifen, warum das so ist, aber ich kann mir solche Sachen nicht gut anschauen. Vielleicht liegt es daran, dass ich das Gefühl habe, dass diese Kinder in den Videos irgendwie bloßgestellt werden. Sie werden vorgeführt und müssen sich erklären. Wieso hast du das und das gemacht? Wie kamst du auf die Idee? Wieso machst du sowas?
Die Art wie diese Eltern da mit ihren Kindern reden, die stößt mich ab, ohne, dass ich das in Worte fassen kann.
Nicht, weil ich diese Fragen meiner Dreijährigen nicht auch stellen würde. Klar, als sie beispielsweise das Auto zerkratzte, da fragten auch wir Eltern sehr genau nach.



Eltern sprechen nur durch Handy mit den Kindern


Etwas anderes aber, das stößt mir ganz schlimm auf. Die Tatsache, dass all diese Eltern nicht direkt mit ihren Kindern sprechen, sondern sie durch ihr Smartphone interviewen. Sie halten drauf, die Kinder starren in ein Telefon statt mit ihren Eltern direkt zu kommunizieren. Dabei ist das meiner Meinung nach so wichtig.

Kinder machen "Fehler", die dürfen und müssen sie machen, weil sie davon lernen. Klar sind diese manchmal lustig und manchmal für uns Eltern ärgerlich. Natürlich will auch ich wissen, wie manches passiert ist und frage nach. Aber nie, nie, nie, nie würde ich dabei eine Kamera vor das Gesicht meiner Kinder halten um zu erfahren, wieso um alles in der Welt sie nun unsere Eingangstür angemalt haben. Und sich beide großflächig dazu angemalt haben.

Wieso filmt man die Kinder fürs Internet? 


Und dann, selbst wenn man auf die Idee kommt, seine Kinder permanent bei allem zu filmen, wieso zur Hölle stellt man das dann ins Internet? Damit es geteilt und kommentiert wird? Ist es das, was heute zählt? Nicht die eigenen Kinder und ihre kleinen Versuche die Welt zu erfahren stehen im Vordergrund, sondern was sich daraus in den sozialen Medien machen lässt?

Ich schrieb ja eingangs schon, ich kann das alles gar nicht so richtig in Worte fassen. Ich kann nur sagen, was mich alles an diesen Videos stört. Für mich muss es das nicht geben.

Wie seht ihr das? Bin ich zu streng? Mögt ihr solche Kindervideos?

Kommentare:

  1. Hey! Ich kann solche Videos ebenfalls nicht leiden. Sehe das auch so,dass die Kinder einfach nur bloßgestellt werden, die Eltern das aber gar nicht merken. Sie sehen nur, wie süß ihre Kinder FÜR SIE in diesem Moment sind und nicht, dass man sie der Lächerlichkeit preisgibt.

    Liebe Grüße

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    1. Liebe Karin,

      ich finde, wenn es so Videos sind in denen die Kinder, keine AHnung, niedlich miteinander spielen, dann ok. Würde ich nicht ins Netz stellen, aber nun gut. Aber viele von den Videos machen eben genau das was du sagst: Die Kinder der Lächerlichkeit preisgeben. Sie schutzlos den Anderen aussetzen.

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  2. Nee, ich bin da ganz bei Dir. Ich finde diese Videos auch irgendwie schmerzhaft. Aus den gleichen Gründen. Ich bin selbst nicht so streng mit meiner eigenen Privatheit im Netz. Ist ja auch meine eigene Entscheidung für mich selbst. Mit meiner Tochter halte ich das schon wesentlich strenger. Und überhaupt erschließt sich es mir nicht, wie man zB von seinem weinenden Kind Fotos machen (und im Netz posten) kann.

    Wenn meine Tochter heult, hole ich kein Smartphone raus, sondern ein Taschentuch. Oder erstmal: eine Umarmung.

    Ich finde sowas irgendwie...gemein. Mir will kein anderes Wort dafür einfallen. Und ja, das mögen andere vielleicht für intolerant halten. Aber mal ehrlich, welcher Erwachsene will denn gern in irritierenden bis schmerzhaften Situationen fotografiert oder gefilmt werden? Und warum sollten Kinder das wollen? Tja, nee, alles sehr sehr awkward.

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    1. Liebe Liz,

      genau das frage ich mich auch: Würden all diese Eltern in ähnlichen Positionenauch gefilmt werden wollen? Wie würden die damit umgehen? Ich wünschte mir, es würde mal jemand machen, so als Test. Und denen das dann vorspielen.

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  3. An solchen Videos stört mich am meisten die völlig unüberlegte Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Kinder. Ihr Recht auf Anonymität bzw. Abwesenheit im Netz wird schlichtweg ignoriert. Bilder und Filme von Kindern, die noch nicht reif selbst entscheiden können, ob sie auf Bildern und Filmen im Netz für jeden sichtbar sein möchten oder nicht, haben dort auch nichts zu suchen! Eltern, die ihre Bedürfnisse nach Geltung und Amusement über eben diese Rechte bzw. auch den Schutz ihrer Kinder stellen, sagen damit auch viel über ihr Verständnis von Kindheit und ihrem Respekt vor Kindern aus.

    Kleine Filme für die ausschließlich private Verwendung sehe ich dagegen, sofern das Maß stimmt, für nicht so dramatisch. Unsere Kinder wachsen in eine ganz andere mediale Welt hinein und für sie wird vieles ganz selbstverständlich sein, was wir vielleicht noch ganz kritisch beäugen. Anstatt alles zu verteufeln, sollten wir unseren Kindern helfen, einen gesunden Umgang mit Medien zu finden. Kinder sollten sicher nicht den ganzen Tag in eine Smartphone Kamera schauen müssen, und natürlich sollten Gespräche und Konflikte in der Regel nicht vor laufender Kamera stattfinden. Hält man aber das ein oder andere kleine Debakel auch mal filmisch fest, werden sich unsere Kinder später vielleicht ja mal darüber freuen, solche Erinnerungen zu haben. Ich wäre jedenfalls nicht traurig, wenn es aus meiner frühen Kindheit das ein oder andere Filmchen gäbe.
    Am Ende gilt doch auch hier, wie bei den meisten Dingen, dass es das Maß macht. Erst denken, dann handeln.

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    1. Liebe Kathleen,

      das ist bei Fotos und Videos ja das Gleiche, dass die Rechte der Kinder da scheinbar weniger zählen. Ich denke, das muss im Zweifelsfall natürlich jedes Elternteil selbst entscheiden, es gibt ja durchaus auch jede Menge Beispiele wie Erwachsene das respektvoll machen können. Und an sich glaube ich, so ganz ohne Kinder sollte das Internet auch nicht stattfinden. Nur das "Wie", das sollte stärker in den Fokus rücken.

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  4. Danke, dass Du das mal in Worte gefasst hast! Ich guck mir zwar manchmal ganz gerne Videos mit Kindern an, aber nicht solche, wo sie vorgeführt werden, das mag ich gar nicht. Ich frage mich auch immer wieder, ob die Eltern überhaupt darüber nachdenken, was sie ihren Kindern damit antun...
    Von unseren Kindern gibt's keine Bilder und Videos im Netz (okay, stimmt nicht ganz, bei unseren FB-Profilbildern sind die kinder von hinten zu sehen...) und das wird auch so bleiben, bis sie alt genug sind und es selbst entscheiden können. ich hab nicht das Recht darüber zu entscheiden, ob die für alle Welt sichbar sein wollen.

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    1. Liebe Barbara,

      ich freue mich sehr, dass ihr da so überlegt handelt. Darum geht es ja - sich bewusst machen welche Verantwortung man da auch trägt. Und wenn es zum Beispiel Kinder sind die lustig im Kreis tanzen oder sich über den Regen freuen, dann kann ich schon verstehen, dass man da mal hinguckt (mache ich ja auch). Nur diese Zur Schaustellung, die finde ich ganz furchtbar.

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  5. Ich kann Dich echt gut verstehen und weiß, was Du meinst. Mich hat es letztes Jahr ziemlich beschäftigt, als es so eine Art contest gab, die Reaktion seiner Kinder zu filmen, nachdem man ihnen als Eltern erklärt hatte, alle ihre Halloween-Süßigkeiten aufgefuttert zu haben.
    Die Reaktionen waren herzzerreißend. Mir hat das so weh getan, das anschauen zu müssen! Nicht so sehr, weil ich es doof finde, Kinder zu veräppeln. Sowas mach ich unter Umständen auch, und meine Kinder würden vielleicht auch eine Szene machen. Aber wie Du sagst, erstens filme ich das dann nicht, und zweitens würde ich sowas noch viel weniger ins Internet stellen! Diese Kinder wurden bloßgestellt, vorgeführt, sie wurden in ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerz gefilmt, und das finde ich ganz schrecklich.

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    1. Liebe Judith,

      oh weh, nein, diesen Contest habe ich (zum Glück) nicht mitbekommen. Da frage ich mich aber wirklich wieso man das macht. Genau wie du sagst, wieso filmt man Kinder in ihrem Schmerz? Ihrer Angst?
      Und stellt das dann auch noch ins Netz?!

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  6. Ich teile dein Unbehagen, bei dem Video von dem Mädchen auf der "stillen Treppe" ist mir ganz schlecht geworden. Man braucht sich nur mal vorzustellen der Partner würde einen aufgelöst beim Streit filmen, oder wenn man weinend um Versöhnung bittet (und ins Internet stellen!). Ein Verrat an der Intimität, würden wir sagen, eine öffentliche Demütigung. Und bei Kindern...?? Ist es das meiner Ansicht nach auch!

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    1. Es gibt keinen Unterschied zwischen Kindern und Eltern, also nicht in der Hinsicht, dass beide nicht ins Netz gestellt werden wollen, in traurigen, intimen Momenten. Wie ich oben schon schrieb: Ich würde gern sehen was passiert, wenn man das mit den Filmenden macht, würden sie das dann auch ins Netz stellen wollen?

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  7. Ich finde es wie du ganz schlimm, wenn die Kinder mit einem Gerät sprechen müssen. Was für ein Gefühl ist das, wenn die Menschen, die du liebst und auf die du angewiesen bist Situationen in deinem Leben plötzlich filmen und nicht mehr direkt mit dir im Kontakt sind? Will ich, dass mein Mann plötzlich anfängt mich zu filmen in intimen Situationen? Oder bei einem Streit voll drauf hält und es dann nachher hochlädt? Guckt mal, meine Frau regt sich voll auf, weil ich heute ihr Buch weggenommen habe und sie jetzt nicht mehr lesen kann! Auch solche Videos gibt es haufenweise: Oh, mist, jetzt haben wir alle eure Süßigkeiten aufgegessen, die ihr Halloween gesammelt habt. Heult mal, dann wirds ein lustiges Video.
    Meine Eltern haben sich früher auch häufig über Kleinigkeiten lustig gemacht. Das sind immer noch Erinnerungen, die weh tun.

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    1. Es tut mir sehr leid, dass du selbst solche Erfahrungen machen musstest. Ich will mir gar nicht ausmalen wie das für die gefilmten Kinder ist, die diese Erfahrungen dann auch noch im Internet wieder und wieder erleben müssen. Die sich im schlimmsten Fall noch all die Kommentare darunter durchlesen werden, wie andere sich über ihre Kindlichkeit lustig machen. Furchtbar!

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  8. Zusätzlich zu der Öffentlichkeit bin ich tatsächlich oft sehr schockiert von der Erziehung, die dargestellt wird.
    Bei Kindern eine Erwartungshaltung an das Geschlecht der Geschwister zu stellen, Bestrafungen wie der "Auszeit", Geschenke wegnehmen oder sarkastische Kommentare - was soll ein Kind daraus mitnehmen? Umso schlimmer, dass es eine große Anzahl Menschen lustig findet, sowas zu sehen.
    Ein Miteinander würde vermutlich nicht genug Likes bringen...

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    1. Liebe Lala,

      ja, ich finde auch, dass die Erziehung in solchen Videos sehr offensichtlich wird. Nur scheinen sich daran sehr wenige Menschen zu stören. Wenn der Ton da etwas rauer ist, in diesen Videos, dann ist das nur ein "hahaha" wert...
      Dabei finde ich vieles daran so entlarvend. Mir tun die Kinder wirklich leid.

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